Drei Missverständnisse über Mitgefühl.
Mitgefühl ist eines der Wörter, die jeder zu kennen glaubt und an denen sich gleichzeitig eine ganze Reihe von Missverständnissen festgesetzt hat. Drei davon begegnen mir besonders oft im Coaching.
Das erste: Mitgefühl bedeutet, alles aushalten zu müssen. Falsch. Mitgefühl bedeutet, einen Menschen in seinem Erleben zu sehen, es bedeutet nicht, jede Entscheidung gutzuheißen oder jede Forderung anzunehmen. Sie können sehr mitfühlend Nein sagen. Sie können warmherzig Grenzen setzen. Mitgefühl und Klarheit sind keine Gegensätze.
Das zweite: Mitgefühl ist nur etwas für andere. Falsch. Wer Mitgefühl ausschließlich nach außen richtet, brennt aus. Selbstmitgefühl ist nicht Egoismus, es ist die Voraussetzung dafür, dass das Mitgefühl für andere überhaupt nachhaltig getragen werden kann. Wer sich selbst gegenüber hart bleibt, wird mit der Zeit auch gegen andere härter. Das ist keine moralische Bewertung. Das ist eine Beobachtung aus jahrzehntelanger psychologischer Arbeit.
Das dritte: Mitgefühl macht weich. Falsch. Mitgefühl macht klar. Wer mitfühlend mit sich umgehen kann, weiß genauer, was ihm dient und was nicht. Wer mitfühlend mit anderen umgehen kann, sieht sie deutlicher, auch in dem, was sie nicht aussprechen. Das ist alles andere als weich. Es ist eine Form von Wachheit, die viele Menschen erst entwickeln müssen.
Was Mitgefühl wirklich ist.
Mitgefühl wird oft mit Mitleid verwechselt. Beide fühlen sich in der Anwendung sehr unterschiedlich an. Mitleid ist passiv, es senkt den Blick, macht klein, stellt einen Höhenunterschied her. Mitgefühl ist aktiv, es sieht den anderen auf Augenhöhe, wertschätzt seine Erfahrung und lässt ihn in seiner Würde.
Wenn Sie einer Kollegin mitfühlend begegnen, sagen Sie nicht „Oh, Sie Arme“, sondern Sie halten einen Raum, in dem sie sich als Mensch gesehen fühlt. Das ist ein Unterschied, den man spürt, bevor man ihn erklären kann.
„Der Mensch ist ein soziales Wesen, psychische Gesundheit entsteht durch Gemeinschaftsgefühl.“— Alfred Adler
Warum Adler Mitgefühl für zentral hielt.
Alfred Adler sah im Gemeinschaftsgefühl einen der wichtigsten Indikatoren für psychische Gesundheit. Wer sich zugehörig fühlt, wer Mitgefühl geben und empfangen kann, ist in der Regel stabiler, lebenszufriedener, resilienter. Das hat wenig mit Gefühlsduselei zu tun und viel mit der Fähigkeit, in Beziehungen eigen zu bleiben und dennoch verbunden.
Was die Forschung über Mitgefühl weiß.
Mitgefühl ist eines der wenigen Themen, bei denen sich uralte psychologische Intuitionen und neuere neurowissenschaftliche Befunde fast lückenlos decken. Studien zur Empathie-Forschung, unter anderem die Arbeiten von Tania Singer am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, zeigen einen wichtigen Unterschied: Empathie ohne Mitgefühl führt zu emotionaler Erschöpfung, zu Burnout, zu dem, was man „mitfühlende Müdigkeit“ nennt. Empathie mit Mitgefühl dagegen aktiviert im Gehirn andere Areale, Regionen, die mit Wärme, Verbundenheit, Belohnung verbunden sind. Mitgefühl ist nicht das Gleiche wie das Mitleiden. Es ist das Mitfühlen mit innerer Stabilität.
Das passt genau zu Adlers Bild des Gemeinschaftsgefühls: Verbunden sein, ohne sich zu verlieren. Das war in den 1920er Jahren eine Hypothese, heute ist es ein neurobiologisch beschreibbarer Zustand. Wer Mitgefühl trainiert, verändert messbar das eigene Stresssystem. Es ist also keineswegs eine weiche Tugend für Sonntagsreden. Es ist eine harte, trainierbare Fähigkeit mit klaren Auswirkungen auf Gesundheit, Beziehungen und Leistungsfähigkeit.
Mitgefühl beginnt bei Ihnen selbst.
Viele Menschen sind sehr großzügig gegenüber anderen und grausam gegenüber sich selbst. Sie würden einer Freundin nie sagen, was sie sich bei kleinen Fehlern selbst zurufen. Selbstmitgefühl bedeutet, sich selbst den gleichen Respekt entgegenzubringen, den man anderen schenkt.
Drei Hinweise, dass Ihnen Selbstmitgefühl gerade gut täte:
- Sie erklären sich Fehler mit Charakterschwäche statt mit Umständen.
- Sie ruhen sich nicht aus, weil Sie glauben, sich die Ruhe erst verdienen zu müssen.
- Sie sind für alle da, außer für sich selbst.
So fühlt es sich an: ein Pflegedienstleiter, Mitte 40.
Stellen Sie sich vor, Sie führen ein Team in einem Beruf, der Mitgefühl täglich verlangt, Pflege, Beratung, Sozialarbeit. Sie sind dafür ausgebildet, präsent zu sein, einfühlsam zu reagieren, zuzuhören. Und doch merken Sie: Es zieht Sie zunehmend leer. Sie kommen nach Hause und haben für die eigene Familie nichts mehr übrig. Sie schlafen schlecht. Sie sind gereizt über Kleinigkeiten. Im Coaching wird sichtbar, was Sie selbst im Stillen vermuten: Das, was Sie geben, geben Sie ohne den Boden unter den Füßen, der eigenes Mitgefühl mit sich selbst voraussetzen würde. Sie haben Empathie zur Berufung gemacht und Mitgefühl mit sich selbst zur Pflicht aufgeschoben. Veränderung beginnt nicht damit, weniger zu geben. Sie beginnt damit, anders zu empfangen, von sich selbst.
Mitgefühl in der Führung.
Eine besondere Herausforderung ist Mitgefühl in der Rolle als Führungskraft. Manche fürchten, es würde sie weich machen, angreifbar, nachgiebig. Das Gegenteil stimmt: Führungskräfte, die mitfühlend führen können, treffen härtere Entscheidungen, weil sie nicht versuchen, sich vor dem Schmerz zu drücken, den ihre Entscheidung für andere bedeutet. Sie sehen den Menschen, sie sprechen klar, sie tragen die Konsequenz mit. Das ist etwas anderes als die zurückgehaltene Härte derjenigen, die sich panzern, weil sie das Mitfühlen nicht aushielten.
Mitgefühl in der Führung heißt nicht: alles verstehen, alles verzeihen, alles tragen. Es heißt: einen Menschen sehen, auch wenn man ihm gerade nicht gibt, was er sich wünscht. Diese Form von Klarheit ist eine der seltensten und wertvollsten Eigenschaften, die ich in der Coachingarbeit erlebe.
Wie Sie Mitgefühl trainieren.
Mitgefühl ist keine Eigenschaft, die man hat oder nicht hat. Es ist eine Fähigkeit, die man kultivieren kann. Drei Praxisansätze:
- Aktives Zuhören ohne Fixen. Wenn jemand etwas Schweres erzählt, widerstehen Sie dem Impuls, sofort einen Rat zu geben. Bleiben Sie einfach da. Das ist oft schon genug.
- Dankbarkeit aussprechen. Nicht als Ritual, sondern als Konkretion. „Danke für Geduld gestern.“ „Danke, dass Sie zugehört haben.“ Klein, spezifisch, wahr.
- Selbstgespräche mit Respekt. Wenn Sie merken, dass Sie innerlich hart mit sich reden, fragen Sie sich: Würde ich so mit einer Freundin sprechen? Meistens reicht diese Frage, um den Ton zu verändern.
Mitgefühl und der Selbstwert.
Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Mitgefühl und Selbstwert, der oft übersehen wird. Wer einen instabilen Selbstwert hat, gibt Mitgefühl entweder verschwenderisch (um sich seinen Wert zu verdienen) oder gar nicht (weil er keinen Überschuss zur Verfügung hat). Beides erschöpft. Wer einen tragenden Selbstwert hat, gibt Mitgefühl frei, ohne sich selbst dabei zu verbrauchen und kann es zugleich annehmen, ohne sich klein zu fühlen.
Selbstwert lässt sich nicht durch Affirmationen herstellen. Er entsteht durch wiederholte Erfahrungen, in denen Sie sich selbst gut behandeln, auch dann, wenn niemand zuschaut, auch dann, wenn Sie etwas nicht geschafft haben. Das ist die unauffälligste, gleichzeitig wirksamste Mitgefühls-Übung überhaupt: sich selbst nach einem Fehler ansehen wie eine gute Freundin. Ein Mal. Dann wieder. Und wieder. So wächst etwas, das durch keine äußere Bestätigung ersetzbar ist.
Mitgefühl in herausfordernden Beziehungen.
Eine Frage, die im Coaching oft kommt: Wie kann ich mitfühlend bleiben mit einem Menschen, der mir gerade weh tut? Eine Kollegin, die immer fordert. Ein Partner, der gerade nicht erreichbar ist. Ein Elternteil, das alte Muster nicht ablegt. Die Antwort ist nicht einfach, aber sie ist klar: Mitgefühl bedeutet hier nicht, dem anderen seine Verhaltensweisen abzunehmen. Es bedeutet, den Menschen hinter dem Verhalten zu erkennen und gleichzeitig zu schützen, was Ihnen gehört.
Das ist eine doppelte Bewegung. Innerlich öffnen für die Wahrnehmung „Ah, da ist ein Mensch, der gerade nicht anders kann.“ Äußerlich klar bleiben mit dem, was Sie tun und nicht tun. Diese Doppelbewegung ist eine der reifsten Formen menschlicher Begegnung und sie ist nicht angeboren. Sie wird erlernt. Adler hätte gesagt: Genau hier zeigt sich, ob das Gemeinschaftsgefühl reif geworden ist. Nicht in der Harmonie. In der schwierigen Begegnung.
Fazit: Mitgefühl ist Stärke.
Mitgefühl ist keine weiche Eigenschaft, die einen angreifbar macht. Es ist die Grundlage dafür, dass Beziehungen tragen, zu anderen, vor allem aber zu sich selbst. Wer mitfühlend mit sich umgeht, hat mehr Kraft zur Verfügung. Nicht weniger.
Reflexionsfragen für Sie.
Fünf Fragen, mit denen Sie das Verhältnis zu sich selbst ehrlich anschauen können. Nehmen Sie sich Zeit. Antworten Sie nicht auf der Tonspur dessen, was Sie über sich denken sollten, sondern auf der Tonspur dessen, was Sie tatsächlich erleben.
- Wenn ich mich heute innerlich kommentiere, in welchem Ton tue ich das? Würde ich mit meiner besten Freundin so sprechen?
- An welchen Stellen mache ich für mich selbst Bedingungen, die ich für niemanden sonst machen würde?
- Wann zuletzt habe ich mir etwas erlaubt, ohne es mir vorher verdienen zu müssen?
- In welchen Beziehungen gebe ich Mitgefühl und in welchen empfange ich es? Wo ist die Bilanz aus dem Lot?
- Was würde sich in meinem Alltag verändern, wenn ich mir selbst zehn Prozent mehr Wärme zugestehe?
Diese Fragen sind keine Hausaufgabe, sondern eine Einladung. Wenn Sie merken, dass eine Frage Widerstand auslöst, ist das oft genau die richtige Stelle, um liegenzubleiben.
Wenn Sie Selbstmitgefühl als Haltung einüben möchten, begleite ich Sie gerne. Im Life-Health-Coaching arbeiten wir an einem gesunden Selbstwert als Grundlage für alles andere. Wenn Sie das Thema Mitgefühl im beruflichen Kontext interessiert, finden Sie passende Gedanken im Business-Health-Coaching. Vertiefend lesenswert: der Artikel über Loslassen und der Text über Selbstwahrnehmung in der Führung. Mehr zur dahinterliegenden Methode auf der Seite Individualpsychologie nach Adler.